Marokko
Von Quads, Snowboards und dem Tajin, den keiner mehr sehen kann
Die Timlalin-Sahara-Dünen beschlossen, uns noch nicht gehen zu lassen. Morgens tauchte Rachid auf – selbstverständlich auf einem Quad. Anders kommt man hier nicht vorbei. Wir philosophierten sofort über Gott, die Welt und natürlich die Weltpolitik. Kommunikationsmittel: Google Übersetzer. Erstaunlich, wie gut man damit über komplexe globale Zusammenhänge reden kann, wenn keiner so genau weiß, was der andere eigentlich meinte.
Der Mann verschenkte direkt unsere unterwegs gefundene Pfanne und einen Besen. Rachid war begeistert. Beides konnte er sehr gut gebrauchen. Dinge finden auf Reisen immer genau ihren Menschen. Oder zumindest jemanden, der Platz dafür hat.
Am Nachmittag ging es mit Rachids kleinem Bruder Hüssein auf eine kleine Tour durch die Dünen. Sand, Sonne, breites Grinsen, immer wieder anhalten und gucken. Als wir zurückkamen, wurden wir direkt zum Essen eingeladen. Natürlich gab es Tajin. Kartoffel, Gemüse, Hühnchen. Klassiker. Überraschung gleich null, Genuss gleich hundert.
Wir saßen lange zusammen, redeten, lachten, übersetzten. Rachid gab uns ein altes Snowboard, damit wir damit die Düne hinunterfahren konnten. Wintersport in der Sahara. Der Mann entdeckte dabei völlig neue Seiten an sich. Ich glaube, er hätte fast einen Skipass verlangt.
Zum Abschluss liefen wir noch durch einen kleinen Canyon. Ein magischer Ort mit ausgewaschenen Formen, ruhig, still, fast unwirklich. Abends fuhren wir wieder hoch in die Düne zum Schlafen. Sand überall. Im Bett, in den Schuhen, in der Seele. Gehört jetzt dazu.
Am nächsten Morgen waren wir mit den Jungs vom Quadverleih zum Frühstück verabredet. Die Frau zauberte Rührei, die Jungs brachten gekochte Eier, Brot und Olivenöl mit. Einfach, herzlich, perfekt. Danach verabschiedeten wir uns und fuhren weiter Richtung Süden.
In der Stadt der Farben gab es einen sensationellen Cappuccino. Die Stadt ist unfassbar bunt und wunderschön. Wahnsinn. Ab hier begann allerdings wieder das große Surfer-Tam-Tam. Alles sehr touristisch, sehr „Bro“, sehr „Yoga am Strand bei Sonnenaufgang“. Nicht unseres.
Wir fuhren durch Taghazout durch. Auch Agadir ließ uns eher müde zurück. Europäischer geht’s kaum. Man könnte denken, man ist irgendwo zwischen Spanien und einem Surfkatalog gelandet.
Ausserhalb von Agadir fanden wir noch ein riesiges Areal von Metall, Holz, Edelstahl, Motoren. Hier findet man vermutlich jedes Metallteil, was man benötigt. Abgefahren.
Jetzt sind wir in Tiznit, der Silberstadt. Endlich wieder ruhig. Viele Menschen fahren Fahrrad, die Stadt ist entspannt, nicht hektisch. Hier wird viel genäht und zwar von Männern. Berberkleidung und Schuhe - wer mal wieder richtigen Klebstoff schnüffeln will, der kommt hier her. Und die Palmen wachsen hier wirklich – nicht dekorativ gepflanzt, sondern einfach so, wie Palmen das eben tun.
Die Campingplätze allerdings: komplett überfüllt mit Wohnmobilen. Wir standen vor einem Campingplatz, direkt daneben ein Tajin-Verkaufsplatz. Nein, kein Platz. Ein Tajin-Gebirge. Drei Meter hoch. Gestapelt wie archäologische Schichten der Keramikgeschichte.
Der Mann sagte trocken: „Ich kaufe doch keinen Tajin. Ich nehme unseren Kochtopf. Ich kann die Dinger nicht mehr sehen.“
Gleichzeitig werden dort immer noch mehr Tajine angeschleppt. Niemand weiß, wer die alle kaufen soll. Wir fragen uns ernsthaft, ob die Tajine sich nachts vermehren.
Am liebsten würden wir fragen, ob wir den Tajin ganz unten in der Mitte des Stapels bekommen können. Einfach, um zu sehen, ob dann alles zusammenbricht.
Von Buddelaktionen, Grilldoraden und norddeutschem Sprachrückfall
In Rabat trafen wir mal wieder Familie Glöckner samt ihrer rollenden Legende „Emma“ (Iveco THW). Gemeinsam wurde Stadt geguckt, getrennt wurde Stadt geguckt, und weil wir ausnahmsweise ohne drei Kinder unterwegs waren, waren wir… nun ja… unfassbar schnell. Also weiter Richtung Süden.
Kurz darauf: Jackpot. Ein Campingplatz mitten in den Dünen. Sand, Weite, Glücksgefühl. Familie Glöckner kam einen Tag später hinterher und kaum standen alle, wurde erstmal gebuddelt. Wir waren uns sicher: Die dicke Emma frisst diese Düne zum Frühstück. Spoiler: tat sie nicht. Der Sand war weicher als unser Optimismus.
Während wir noch schaufelten, rollten Pia und Vince an – seit vier Jahren Vollzeit im LKW unterwegs. Zack, war aus einer Bergungsaktion eine Kaffeerunde mit internationalem Fachsimpeln, Gelächter und dem kollektiven Kopfschütteln über zu weichen Sand.
Wir blieben drei Nächte. Lagerfeuer, ein bisschen Beleuchtung, Gespräche bis spät und natürlich ein Strandtag. Die drei Jungs der Glöckners sind genauso großartig wie ihre Eltern. Pia und Vince auch. Nebenwirkung des Treffens: Die Frau erlitt einen spontanen Rückfall in den norddeutschen Heimatslang. Seitdem wird wieder geschnackt. Unaufhaltsam.
Dann ging’s Richtung Essaouira. Einkaufen hier, gucken da, und schwupps – Übernachtung irgendwo in der Pampa. Sterne inklusive, Zivilisation optional.
Heute Morgen also Essaouira. Hafenbummel, Stadtbummel, Fischbummel. Am Hafen kauften wir eine Dorade, die ungefähr so frisch war, dass sie uns fast wieder weggeschwommen wäre, und gaben sie direkt nebenan zum Grillen ab. Katzen überall, Möwen im Tiefflug, Tourigassen voller Kram, den man nicht braucht, aber unbedingt anschauen muss. Hafenkino vom Feinsten.
Weiter ging’s durch das Arganbaumgebiet: kurvig, plötzlich regnerisch, wunderschön. Als Entschuldigung für das Wetter gab’s dann einen Regenbogen und einen Ausblick, bei dem selbst wir kurz still waren. Kurz.
Jetzt stehen wir fix und fertig in den Timlalin-Sahara-Dünen. Sand überall, Augen halb zu, Herz voll. Erstmal schlafen. Morgen dann: Sonne. Sand.
Marokko – zwischen Markt, Müll und Magie
Wegen miesen Wetters kurzerhand auf die Fähre und rüber nach Tanger Med. Visa gab’s direkt an Bord – einfacher als ein Parkticket. Einreise ebenfalls entspannt: Auto auf, keine Waffen, Drogenhund nicht interessiert. Willkommen in Marokko.
Kaum an der Ostküste, standen wir mitten auf einem Markt. Gemüse wurde teilweise direkt in der Straßenrinne gewaschen – mit Regenwasser. Appetit? Kurz weg.
Der erste Campingplatz entpuppte sich als Hinterhof deluxe. So deluxe, dass wir lieber im Restaurant gegenüber aßen – inklusive Nutzung der sanitären Anlagen. Improvisation ist alles.
Weiter nach Tétouan: Chaos in Reinform. Jeder verkauft alles. Schuhe, Kabel, Schrauben, Hühner, Orangensaft in alten Wasserflaschen. Keine Touristen, dafür 100 % Leben. Laut, bunt, irgendwie ziemlich cool.
Dann Chefchaouen, die blaue Stadt im Rif-Gebirge. Hübsch, fotogen, sehr touristisch. Enge Gassen, immer die gleichen Souvenirs – und alle fragen freundlich, ob man Hasch kaufen möchte. Trotzdem: anschauen lohnt sich.
Im Gebirge war’s uns zu kalt, also ab an die Westküste. Camping an einer Lagune, Tajine im Bauch, Spaziergang – und zufällig Familie Glöckner mit drei Kindern getroffen. Sympathisch, Fass Bier dabei. Das Fass hat den Abend nicht überlebt.
Heute ging alles etwas langsamer. Küste runter durch Dörfer: freundliche Menschen, winkende Kinder, Eselkarren, LKWs, Schlaglöcher und leider Müll überall. Barbarisch viel Müll. Dafür ehrliche Begegnungen und ständig ein „Welcome to Marokko“.
Jetzt stehen wir heimlich an einer Anglermole.
Morgen geht’s nach Rabat.
